Max Beckmann

Vorbemerkungen von Siegfried Gohr zu Max Beckmanns farbigen Arbeiten auf Papier


Widmungen

Max Beckmann verschenkte und widmete zahlreiche Blätter. Nach dem Ersten Weltkrieg eignete er einige Blätter seiner ersten Frau Minna Beckmann-Tube (1881–1964) zu, die er »Minachen« oder »Minkchen« nannte. Diese Dedikationen erfolgten in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Entstehung der Blätter. Das Blatt Gärtnerei bei Frankfurt [MB-A/P 66b] von 1933 jedoch widmete Beckmann der Schwester seiner zweiten Frau, Mathilde von Kaulbach (1904–1986), erst am 9. Dezember 1934: »für Hedda Kaulbach« (1900–1992). Das bedeutet, dass er bei bestimmten Gelegenheiten etwas Passendes aus seinem Fundus wählte. Ähnlich war es bei anderen Widmungen als Andenken an Besuche, nach einer Begegnung oder nach einem besonderen Ereignis. Es sind Menschen aus nächster Umgebung. Beckmann zeichnete auf diese Weise Personen aus, denen er verpflichtet oder dankbar war. Wahrscheinlich verschenkte er aus seinem Bestand Arbeiten, die etwas mit dem oder der Beschenkten zu tun hatten.

Zwischen der Entstehung eines Blatts und der Widmung konnten also Jahre vergangen sein. Als Beispiel eignet sich das Blatt Pferde auf der Koppel [MB-A/P 84] von 1936, das erst 1941 in Amsterdam »Minachen« geschenkt wurde. Oder die Arbeit Häuser vor Segelbooten [MB-A/P 86] von 1936, das Peter Beckmann (1908–1990) 1941 in Amsterdam »pour souvenir« erhielt. Das ungewöhnliche Motiv mit Segelbooten, die zwischen Häusern auf dem Kanal fahren, hat den Sohn Peter sicher fasziniert. Der Meerblick mit Fischernetzen [MB-A/P 89a] aus dem Jahr 1936 ist einer Freundin aus Holland gewidmet: »für Anna Lehmbrukken Souvenir«.

Vor dem Umzug in die Vereinigten Staatengab Beckmann Blätter aus seinem Fundus her, während in den Vereinigten Staaten Blätter bald nach ihrer Entstehung verschenkt wurden. Zum Beispiel 1947 passend zum Studenten Walter Barker (1921–2004) ein Nachtklub in New York [MB-A/P 132].

Die Widmungsträger im Einzelnen: Minna Beckmann-Tube [MB-A/P 18], [21], [22], [23], [84]; Hedda Kaulbach [MB-A/P 66b]; Stephan Lackner (1910–2000) [MB-A/P 78]; Jo] (1891–1974) und Mimi Kijzer (Lebensdaten unbekannt) [MB-A/P 79]; Rudolf Freiherr von Simolin (1885–1945) [MB-A/P 82]; Peter Beckmann [MB-A/P 86]; Anna Leembruggen] (1896–1945) [MB-A/P 89a]; Rudolf Heilbrunn (1901–1998) [MB-A/P 113]; Gisèle d’Ailly van Waterschoot van der Gracht (1912–2013) [MB-A/P 121], [125]; Walter Barker [MB-A/P 132]; John S. Newberry (1910–1964) [MB-A/P 133].

Beckmann verschenkte nur wenige Bilder, aber die handlichen Papierarbeiten eigneten sich, um Verbindungen zu schaffen oder zu festigen. Diese Praxis übte nicht nur Beckmann, sondern ist in der klassischen Moderne sehr verbreitet.

Aquarellierte Grafik

Seit 1917 hatte Beckmann Kaltnadelradierung, Holzschnitt und Lithografie als Techniken zur Verfügung und begann eine grafische Produktion, die während dieser Jahre so fruchtbar war wie später niemals mehr. Neben dem Kolorieren, »Anpinseln« [1], von Illustrationen für sein erstes Theaterstück, die Komödie Ebbi [MB-A/P 82], oder die Folgen Apokalypse [MB-A/P 102] und Day and Dream [MB-A/P 142] gibt es einige Kolorierungen von einzelnen Grafiken, die Minna Beckmann-Tube gewidmet sind, und weitere, die in die Sammlung von Mathilde ›Quappi‹ Beckmann gelangten.

Dass die Zeiträume der überarbeitenden Kolorierung nicht immer eindeutig nachvollziehbar sind, zeigt ein Tagebuchkommentar exemplarisch. Mitte Dezember 1947 schreibt Beckmann: »[…] Viele alte Radierungen | und Holzschnitte ange- | pinselt […]« [MB-TGB 15.12.1947]. Es ist heute nicht nachzuweisen, auf welche »alten« Grafiken er sich bezieht. Die folgenden, von Beckmann farbig gefassten grafischen Blätter weisen neben dem Entstehungsjahr der Grafik nur vereinzelt das Jahr der Kolorierung auf:

MB-A/P 13 David und Bathseba, 1911
Lithografie

MB-A/P 16 Frau mit Kerze, 1920
wohl 1922 aquarelliert
Holzschnitt

MB-A/P 17 Pierrot und Maske, 1920
1922 (aquarelliert)
Lithografie

MB-A/P 18 Frauenbad, 1922
Kaltnadelradierung

MB-A/P 19 Totenhaus, 1922
Holzschnitt

MB-A/P 20 Toilette (Vor dem Spiegel), 1923
Kaltnadelradierung

Einen Sonderfall stellen die sechs Radierungen dar, die Beckmann 1924 für seine Komödie Ebbi [MB-A/P 82] schuf. Nur ein Exemplar kolorierte Beckmann 1936 für seinen Sammler Rudolf Freiherr von Simolin. Zwischen diesem entfernten Verwandten Quappis und Beckmann hatte sich seit den Zwanzigerjahren eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Simolin war weit gereist, zum Beispiel nach Indien, was nicht ohne Interesse für Beckmann war, und beide teilten die Bewunderung für Gustave Flaubert (1821–1880).

Die Kolorierung der Apokalypse [MB-A/P 102] empfand Beckmann eher als eine Last, wie seinem Tagebuch zu entnehmen ist. Aber dem Verkauf sollten die farbigen Exemplare aufhelfen.

Anders verhielt es sich mit den 15 Lithografien, die Curt Valentin (1902–1954) unter dem Titel Day and Dream [MB-A/P 142] 1946 verlegte. Auf Wunsch von Valentin kolorierte Beckmann 1948 die nummerierten Exemplare [11], [18], [29] und [31].

Einzelne Blätter wie IV Tango [MB-A/P 142.2.(04)] aus Exemplar 18 wirken wie Aquarelle, weil die farbige Fassung sehr frei über die lithografische Darstellung hinweggeht.

In gewissem Maße gilt das auch für das Exemplar 29, das heute der Kunsthalle Bremen gehört, aber für Curt Valentin selbst lebendig und eigenwillig aquarelliert wurde. Die sechs Blätter zu Ebbi, die für Simolin 1936 koloriert wurden, erscheinen wie eine Vorstufe der Valentin-Folge mit ihren frischen, oft kontrastreichen Farben. Diese unterscheiden sich deshalb markant von der Grafik, die er in den Zwanzigerjahren sonst in eher zarten, verhaltenen Tönen kolorierte.

Übermalte Aquarelle

In den USA, sowohl in Saint Louis wie später in New York, sah Beckmann alte Arbeiten wieder. Deshalb heißt es im Tagebuch beispielsweise »A | Dienstag. 21. Dez. 43. | An alten Aquarellen. Kinderindianer | ect.« [MB-TGB 21.12.1943]. Insgesamt nahm Beckmann sich acht frühere Arbeiten auf Papier von Neuem vor. Er ergänzte und veränderte sie so, dass sie seinem neuen Stil der Vierzigerjahre entsprachen. Es handelt sich um:

MB-A/P 26 Quappi mit Kopfputz, 1927
Wohl um 1945 -1949 überarbeitet
Feder und Pinsel, Aquarell und Tempera auf Aquarellpapier

MB-A/P 104 Karneval in Neapel, 1925
1944 (überarbeitet)
Tuschpinsel in Schwarz, Bleistift, weiße und schwarze Kreide auf braunem Velin

MB-A/P 105 Boys Playing Indian, 1937
1943 /1945 (überarbeitet)
Gouache auf festem gelblichem Zeichenkarton

MB-A/P 136 Mückennetz, 1939 oder früher
1947 (überarbeitet)
Kohle, Aquarell, Ölkreide und Tempera auf Bütten

MB-A/P 137 Scheveningen (Shrimp Fisherman), um 1935
1947 /48 (überarbeitet)
Aquarell, Gouache und Bleistift über Kohle auf JWHA[TMAN]-Bütten

MB-A/P 138 Büchse der Pandora, 1936
1947 /48 (überarbeitet)
Kohle, Aquarell und Gouache auf Aquarellpapier, auf dicken, alten Karton aufgezogen

MB-A/P 139 Frühe Menschen, 1939 oder früher
1947 /48 (überarbeitet)
Aquarell, Gouache und Tusche auf Bütten

MB-A/P 140 The Oriental, 1946
1947 /48 (aquarelliert)
Aquarell über Bleistift und Tuschfeder auf Canson & Montgolfier-Bütten

Meistens sind es anspruchsvolle Themen, die Beckmann zur Überarbeitung animierten.


[1] MB-TGB 13.04.1948: »St. Louis | 15 Days and dreams | lithos angepinselt.«