Max Beckmann

Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung

»Ein großes Aquarell ist fertig geworden, die ›Engel‹, Tiger hat zum Schluss noch etwas mit herrlichem Schwung ›hineingefuhrwerkt‹ – wie er sagt. Er tauchte den Pinsel ins Wasser, fuhr damit über alle Farben gleichzeitig die auf der Palette waren: Schwarz, umbrabraun, terra, preuss. blau, grün, cadmium rot, cadmium gelb u. anderes blau schüttelte den Pinsel aus u. strich mit leichten sicheren sehr schwunghaften Strichen über das Ganze! Das Resultat – bei dem mir erst der Atem stockte – war verblüffend!! Alles hatte mehr Ausdruck, die Schatten wurden richtiger die hellen Stellen weniger hart ebenso die Schwarzen. Hie und da setzte er noch ein wenig gelbcitroen auf. Ja – ein Genie u. nur ein Genie kann eben so was. Es war beglückend ihm zuzusehen!«

Es ist Mathilde Beckmann, genannt Quappi, die ihrem Mann hier staunend über die Schulter blickte und ihre Eindrücke wortgetreu so in Ihrem Tagebuch vermerkte. Max Beckmann arbeitete gerade an den Illustrationen für die Apokalypse. Der Künstler hatte 27 Zeichnungen zu verschiedenen Szenen der Offenbarung des Johannes geschaffen, die später in Frankfurt am Main lithografisch reproduziert und zusammen mit dem Bibeltext als Buch veröffentlicht wurden. Fünf Exemplare kolorierte der Meister von Hand. An welchem er am 29. Dezember 1942 arbeitete, als seine Frau ihn beobachtete, ist nicht bekannt.

Die farbigen Arbeiten auf Papier haben im Gesamtwerk Max Beckmanns eine deutlich höhere Bedeutung, als gemeinhin wahrgenommen wird. Sie waren sein Medium für private Sujets, Erinnerungsbilder oder Illustrationen. Diese Blätter zeugen von Leichtigkeit und Spontaneität, ja von Humor. Sie offenbaren eine besondere Facette dieses bedeutenden Œuvres.

2006 erschien anlässlich der Ausstellung Max Beckmann. Die Aquarelle und Pastelle in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main und im Guggenheim Museum in Bilbao der gleichnamige Katalog, der zugleich das Werkverzeichnis der farbigen Arbeiten auf Papier darstellte. Herausgegeben von Mayen Beckmann, Siegfried Gohr und Max Hollein war dieser Band ein Meilenstein der Beckmann-Forschung. Die Kaldewei Kulturstiftung schätzt sich glücklich, nun einen maßgeblichen weiteren Schritt zu unternehmen und die Neubearbeitung des Werkverzeichnisses der Aquarelle und Pastelle als digitalen Katalog, aber auch als Buch veröffentlichen zu können. Den Herausgebern des Vorgängerbandes sei herzlich gedankt, dies großzügig ermöglicht zu haben. Unser Dank richtet sich auch an die Schirn Kunsthalle und den DuMont Buchverlag, Köln, bei denen das Copyright jener ersten Bearbeitung lag.

Der digitale Katalog Max Beckmann. Catalogue Raisonné der Aquarelle und Pastelle. Die farbigen Arbeiten auf Papier (www.maxbeckmann.org/aquarelle-pastelle) nahm sich das digitale Werkverzeichnis der Gemälde Max Beckmanns zum Vorbild, das nach dem Konzept von Anja Tiedemann programmiert worden war. Die statischen Daten werden analog, die variablen Daten digital erfasst und laufend ergänzt. Die außerordentlich positive Resonanz auf das zweigeteilte Werkverzeichnis der Gemälde Max Beckmanns hat uns ermuntert, auch das Werkverzeichnis der Aquarelle und Pastelle in dieser Form vorzulegen. Für die farbigen Arbeiten auf Papier wurde die Software komplett auf den Prüfstand gestellt und individuell angepasst. Hierfür zeigte sich Jana Diermann verantwortlich, die gemeinsam mit Mayen Beckmann und Siegfried Gohr das vollständig überarbeitete und ergänzte neue Werkverzeichnis herausgibt. Allen Beteiligten sei für ihr Engagement und ihren unermüdlichen Einsatz allergrößter Dank ausgesprochen.

Das gilt auch für das vorgelegte Buch, das sich das 2021 erschienene Œuvreverzeichnis Max Beckmann. Die Gemälde zum Vorbild nahm. Der vorliegende Band konzentriert sich auf das Wesentliche - die farbigen Arbeiten auf Papier in großformatigen, oftmals originalgroßen Abbildungen. Ihnen zugeordnet sind zahlreiche höchst aufschlussreiche Texte von Siegfried Gohr. Als Verbindung zwischen Tradition und Innovation führen QR-Codes zum digitalen Katalog.

Ein Projekt wie dieses kann ohne Hilfe von außen nicht gelingen. Zahlreiche Museen, private Galerien, Sammler und Kunstfreunde aus der ganzen Welt stellten Abbildungen und Informationen zur Verfügung. Recherchen auf zwei Kontinenten wurden durch institutionelle und private Archive ermöglicht. Die außerordentlich hohe, oftmals selbstlose Hilfsbereitschaft aller Beteiligten verdeutlicht eindrucksvoll die Bedeutung dieses Vorhabens.

Vor das Original zu treten, kann nicht ersetzt werden. Kein Buch und kein digitaler Katalog kann das leisten. Die Aura des Originals, wie Walter Benjamin schreibt, bleibt einzigartig und unverzichtbar. Doch können Werkverzeichnisse das bedeutende OEuvre eines Genies - und nicht nur seine Frau nannte Max Beckmann so - in die Zukunft tragen. Wir freuen uns, wenn die Kaldewei Kulturstiftung dazu einen Beitrag leistet.

Ahlen und Frankfurt am Main, im Dezember 2023
Franz Dieter Kaldewei & Carl-Heinz Heuer


Wir respektieren Ihre Privatsphäre

Wir verwenden Cookies zur Analyse des Website-Verkehrs mit Google Analytics. Durch Anklicken von "Akzeptieren" stimmen Sie der Verwendung von Cookies durch uns zu. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.